Was ich glaube.
Nach fünf Essays vorsichtiger Annäherung darf ich wohl endlich aussprechen, wovon ich überzeugt bin.
Sechster und letzter Teil der Reihe „Architektur der Realität”
Als Kind galt ich als Sonderling. Zumindest waren die meisten meiner Mitschüler:innen und einige meiner Lehrer:innen davon felsenfest überzeugt. Ständig war ich mit meinen Gedanken irgendwo anders. Vielmehr als etwa für Fußball oder das Geschehen auf dem Pausenhof interessierte ich mich für die Frage, welcher Natur eigentlich das Universum ist. Ist es unendlich? Wenn ja, bin ich nur darin oder vielmehr ein Bestandteil von ihm? Damit kam ich nicht weit, weil mir die Werkzeuge und das tiefere Verständnis fehlten. Aber ich hatte schon damals die sehr vage Idee: Vielleicht war ich ja als ein Teil dieses Universums als Kind in diese Welt geworfen worden, um etwas mitzuerleben, das nur von innen erlebt werden konnte.
Diese Idee hat mich getragen. Sie hat mir, wenn etwas weh tat, eine Erklärung geliefert, die größer war als der Schmerz. Wie ein Entdecker in einem unbekannten Land musste ich eben aushalten, was ich dort vorfand. Auf der Erde, in meiner Familie, in dieser sehr spezifischen Form aus Zeit, Ort und Umständen, fühlte ich mich dagegen oft wie ein Alien, der sich erst noch akklimatisieren musste, weil ich mir anders nicht erklären konnte, warum mein eigenes erlebtes Dasein sich so sehr von dem unterschied, was ich bei anderen Altersgenossen beobachtete. Im großen, abstrakten Universum hingegen hatte ich eine Ahnung von Zugehörigkeit. Der Unterschied war für mich klar, auch wenn ich ihn nie hätte erklären können.
Ich hatte das damals niemandem erzählt. Ich hatte ohnehin das Gefühl, die anderen blieben stehen, wo es doch noch so viel weiterging. Dort, in diesem Raum, hielt ich mich auf. Man hätte mich dort finden können, hätte man gesucht. Aber niemand hat gesucht. Und so blieb ich in dem Raum allein.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist der Raum noch da. Ich habe in der Zwischenzeit gelesen, geschrieben, gestritten, geliebt, gearbeitet, und jetzt hier auch noch fünf Essays über Wahrnehmung und Konstruktion verfasst. Aber der Raum, in dem ich als Kind allein war, war keine Phantasie. Er war eine sehr frühe Ahnung von etwas, das ich erst Jahrzehnte später in Worte fassen konnte. Was ich jetzt sage, sage ich aus diesem Raum heraus. Es ist die Antwort, die ich auf eine Frage gefunden habe, die ich nie ganz losgeworden bin.
Das Bekenntnis
Ich glaube, dass es nur ein einziges Bewusstsein gibt. Ein Bewusstsein, das alles enthält und alles umfasst. Dass dieses eine Bewusstsein das Fundamentale ist, aus dem alles Übrige folgt. Dass es sich in unzählige individualisierte Teile aufgeteilt hat, um sich selbst und andere zu erfahren. Dass wir, jede und jeder von uns, eine dieser Sonden sind, so will ich diese Teile nennen, mit denen sich das Eine in seine eigene Struktur hineinstreckt, um zu erfahren, wie es ist, von innen aus dieser Position heraus zu schauen und Erfahrung zu machen.
Den Kern dieses Bildes habe ich mir von Tom Campbell geliehen, einem amerikanischen Physiker, der seine Hypothese „My Big Theory of Everything” oder kurz „My Big TOE“ nennt. Vera Birkenbihl, die ich immer mit großer Sympathie gelesen und deren Videos auf YouTube mit Freude angeschaut habe, hatte ein Bild, das die Sache greifbarer macht. Wenn ich meine Hand in einen Handschuh stecke, dann ist der Finger des Handschuhs nicht ich. Aber er ist auch nicht nichts. Er ist eine Verlängerung von mir an einen Ort, an dem ich nur durch ihn etwas spüren kann. Wenn das eine Bewusstsein sich in uns hineinstreckt, sind wir solche Handschuhfinger. Getrennt und doch nicht getrennt, gleichzeitig.
Diese Sonde ist nichts Festes. In Teil 4 dieser Reihe habe ich davon geschrieben, dass wir kein Ding sind, sondern ein Muster. In Teil 5 habe ich es schärfer gefasst, als stehende Welle, als Wirbel in einem Strom, der nur deshalb existiert, weil etwas durch ihn hindurch fließt. Die Sonde, von der ich jetzt spreche, ist genau das. Eine Frequenz, eine Schwingung, die das Eine an einer bestimmten Stelle in sich selbst erzeugt, lange genug stabil, dass etwas erfahren werden kann. Was vom Einen ausgesendet wird, ist kein Stück Material, sondern ein Muster, das sich für eine Weile hält.
Dass wir uns voneinander getrennt fühlen, ist in dieser Hypothese kein Hinweis auf einen Fehler im System. Es ist die Methode. Wenn das Knie und das Tischbein eins wären, gäbe es keinen Stoß. Erst die Trennung erzeugt den Reiz, auf den das Zucken und der Schmerz antworten. Trennung ist die Sprache, in der das Eine sich selbst etwas mitteilt, das es ohne Trennung nicht erfahren könnte.
Ich kam als Jugendlicher schon einmal an dieselbe Stelle, allerdings über einen anderen Pfad. Wenn Gott uns nach seinem Ebenbild erschaffen hat, wie es im hebräischen Schöpfungsbericht heißt, und wenn Gott ALLES ist, der Einzige und der Ewige, dann ist die einzige logische Schlussfolgerung, die mir zu ziehen blieb, dass wir alle Gott sind. Genauer: ein winziger Teil von ihm. Denn andernfalls müsste es noch etwas anderes als Gott geben, und Gott selbst wäre getrennt. Und damit eben auch nicht ALLES. Eine naive Logik vielleicht, fast peinlich einfach. Aber sie hat mich nie verlassen. Sie war derselbe Gedanke, den ich später bei Campbell wiedergefunden habe, nur ohne die Vokabeln.
Ich versuche, die Vermutung in einer Form zu formulieren, die nicht in den nächstbesten esoterischen Klischeeraum kippt. Auf der tiefsten Beschreibungsebene besteht alles, was existiert, aus Energie in unterschiedlichen Modi und Dichten. Materie ist eine sehr stabile, sehr verdichtete Form davon. Bewusstsein, so meine Vermutung, ist diese Energie in dem Modus, in dem sie sich selbst beobachtet. Wir sind individualisierte Teile dieser einen Energie, die sich aufgeteilt hat, um sich selbst und andere zu erfahren.
Ich nehme dieses Bild aus der Sprache der Physik, weil es uns greifbar ist. Andere haben dasselbe ohne dieses Bild gesagt, und es ist gut möglich, dass die Energie selbst nur ein weiterer Ausdruck dessen ist, was darunter liegt. An dieser Stelle ist Sprache ein Tastversuch, kein Beweis.
Die alten Spuren
Diese Vermutung ist nicht meine. Sie ist sehr alt. Sie steht im hebräischen Schöpfungsbericht, im Satz, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen sei, nicht als Funktion, sondern in der mystischen Lesart, die sich durch die jüdische Kabbala, durch Meister Eckhart und die Mystik des hohen Mittelalters zieht. Bei Eckhart steht der Satz, den ich für einen der präzisesten Sätze der mystischen Tradition halte: „Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht.” Das ist die Sonden-Metapher in der Sprache des dreizehnten Jahrhunderts. Sie steht in der buddhistischen Anatta-Lehre, im Tao Te King, in den Schriften Spinozas, den Einstein verehrt hat, und in den späten Vermutungen Plancks und Schrödingers. Planck hat es 1931 in einem Interview für die Londoner Zeitung The Observer so formuliert, dass er Bewusstsein als das Fundamentale betrachte und Materie als davon abgeleitet. Wir kommen, sagte er, hinter das Bewusstsein nicht zurück.

Damit niemand denkt, dass es sich um eine Position handele, die vor hundert Jahren stehen geblieben sei: In der akademischen Philosophie der Gegenwart wird dieselbe Grundvermutung von Bernardo Kastrup verteidigt, einem niederländischen Philosophen mit doppeltem Hintergrund in Informatik und Philosophie. Er nennt seine Position analytischen Idealismus. Sein Vorschlag, in der nüchternen Sprache der angelsächsischen Universitätsphilosophie formuliert: Was wir als getrennte Subjekte erleben, sind dissoziierte Zentren eines einzigen phänomenalen Bewusstseinsfelds. Andere Menschen erscheinen uns wie eine Außenwelt, weil eine dissoziative Grenze zwischen uns liegt, nicht weil wir wirklich zwei sind. Das ist Eckharts Satz, übersetzt ins einundzwanzigste Jahrhundert.
Was alle diese Stimmen verbindet, ist eine Intuition: Die Trennung, die wir erleben, ist nicht das Letzte. Darunter ist etwas, das nicht zwei ist.
Ich rufe diese Tradition nicht als Autorität auf: Die Bibel ist für mich kein Beweisbuch, das Tao Te King kein Zertifikat, Kastrup keine Berufungsinstanz. Sie sind historische und gegenwärtige Dokumente einer sehr alten menschlichen Vermutung. Dass diese Vermutung sich über zweieinhalbtausend Jahre, über Sprachen, Kulturen und Denkschulen hinweg in immer derselben Grundform meldet, ist kein Beweis. Aber es ist auch nicht nichts.
Und genau deshalb halte ich es für plausibel, was viele Astrophysiker:innen heute sagen: dass das Universum, also die Materialisierung dieses einen Bewusstseins, ein gigantisches selbstlernendes neuronales Netzwerk ist, das sich durch jede Sonde, jeden Wirbel, jede stehende Welle in seinem Inneren ein Stück besser verstehen lernt. Es ist für mich der einzig logische Schluss.
Warum dieses Bekenntnis nie bewiesen werden kann. Oder muss.
Diese Vermutung lässt sich nicht beweisen. Es ist kein vorläufiger Mangel, der mit besserer Forschung verschwinden würde, sondern ein strukturelles Problem. Pepe Kurzstrumpf hat es in unserem Dialog zu dieser Reihe auf den Punkt gebracht: Ein System kann sich nicht von innen heraus vollständig verstehen. Wir sitzen im Bewusstsein und versuchen, das Bewusstsein zu erklären. Das ist, als würde man versuchen, die Brille durch die Brille selbst zu sehen.
In der Philosophie hat dieses Problem einen Namen. Der Kognitionswissenschaftler David Chalmers nennt es das Hard Problem of Consciousness, das harte Problem des Bewusstseins. Es lautet: Wie kommt aus toter Materie das subjektive Erleben? Wie kann eine Anordnung von Atomen, die selbst nichts spürt, etwas hervorbringen, das spürt? Seit der Frage in den frühen 1990er Jahren bleibt die materialistische Schule die Antwort schuldig.
Bernardo Kastrup hat diese Schwierigkeit als Argument umgekehrt, und ich halte sein Argument für das stärkste, das ich bislang dazu gelesen habe: Wenn die Materialisten das harte Problem in dreißig Jahren ernsthafter Forschung nicht gelöst haben, ist es vielleicht nicht zu lösen, weil die Frage falsch gestellt ist. Setzt man das Bewusstsein an den Anfang und versteht die Materie als seine Erscheinungsform, verschwindet das Problem. Es entsteht erst, wenn man die Reihenfolge umdreht.
Damit verändert sich der Status meiner Vermutung. Sie ist nicht beweisbar; das bleibt. Aber sie ist haltbar, weil sie das Erfahrbare am sparsamsten erklärt. Occams Rasiermesser lässt grüßen. Sie ist Glauben im präzisen Sinn, nicht im religiösen. Eine erkenntnistheoretische Wahl, getroffen unter der Bedingung, dass jede Antwort auf die letzten Fragen am Ende eine Wahl ist. Wer mir hier widerspricht und sagt, die Materie sei das Fundamentale, hat ebenfalls geglaubt. Er weiß es nur weniger.
Ein Roman als zweiter Erkenntnisweg
Diesen Fragen gehe ich seit Jahrzehnten auf verschiedenen Wegen nach. Ich habe gelesen, was sich an Bewusstseinsforschung, Quantenphysik und Erkenntnistheorie laien-wissenschaftlich erschließen lässt. Ich habe zum Taoismus gefunden, dessen Prinzipien ich seither zu leben versuche, vor allem das Wu Wei, so gut es mir gelingt. Diese Essayreihe ist ein weiterer Baustein in dieser langen Beschäftigung. Und schon lange, bevor sie begonnen hat, arbeite ich an einem Roman.
Der Roman heißt „Der Elektrische Eremit“. Er ist die Form, in der ich mich diesen Fragen literarisch nähere. Eine Figur, die im Sturm steht, trägt etwas, das eine Definition nicht tragen kann. Wenn ich Robert in seine Depression hineinschreibe, in seine Versuche, sie nicht zu bekämpfen, sondern in ihr zu stehen, dann formuliert sich mein Bekenntnis in einer Sprache, die nur die Literatur sprechen kann. Robert lebt in dem Raum, von dem ich am Anfang dieses Textes erzählt habe. Er ist die literarische Form des Sonderlings, der ich war.
Sprache, wenn sie literarisch wird, öffnet Winkel, die das Argument nicht erreicht. Eine Metapher kann zwei Dinge gleichzeitig sagen, ohne in den Widerspruch zu fallen, in den der Begriff fiele. Wenn ich in einer Szene einen Klienten den Boden unter den Füßen verlieren lasse, kann der Satz Therapieszene und Bewusstseinsereignis zugleich sein. Im Roman geht beides zusammen.
Dass ich an diesem Roman seit so langer Zeit schreibe, hat mit der Dimension der Frage zu tun. Es ist, im wörtlichen Sinn, eine Tiefenbohrung in meiner eigenen Seele. Eine persönliche Archäologie. Ich grabe in der Sprache nach etwas, von dem ich vermute, dass es schon immer da war, und dass ich es nur mit dem richtigen Werkzeug freilegen kann. Solche Bohrungen lassen sich nicht beschleunigen. Wer schneller arbeitet, gräbt nur an der Oberfläche.
Die Genreentscheidung fiel auf Magischer Realismus, weil dieses Genre Fragen offenlässt, die andere Genres nicht aushalten würden (…und Autoren wie Borges, Marquez oder Murakami mich auch geprägt haben). Wer einen Roman im magischen Realismus liest, akzeptiert, dass die Welt nicht das letzte Wort über sich selbst hat. Damit kann der Text Dinge sagen, die in einer Reportage falsch klängen und in einer akademischen Abhandlung gar nicht auftauchen dürften.
Ich kann das, was ich glaube, nicht beweisen. Ich kann es nicht einmal in einem einzigen Satz vollständig sagen. Aber ich kann eine Figur in eine Lage bringen, in der sie es lebt, und ich kann hoffen, dass die Lesenden in dieser Figur einen Moment lang dasselbe spüren wie sie. Das ist, in den Grenzen, die ich kenne, das Ehrlichste, was ich tun kann.
Was das für mich heißt
Wenn das stimmt, was ich hier in dieser Reihe dargelegt habe, ändert sich der Blick auf das eigene Leben. Ich bin dann nicht das endliche Wesen, das in einem zufälligen Moment auftaucht, eine Weile lebt und dann verlischt. Ich bin eine Sonde, die das Eine in sich selbst hineinschickt, um zu erfahren, wie eine bestimmte Position in seiner eigenen Struktur aussieht, sich anfühlt. Wenn die Sonde ihre Aufgabe erfüllt hat, kehrt sie zurück. Ob sie sich später wieder als eigene Sonde auf den Weg macht, kann ich nicht sagen. Aber dass sie nicht endgültig verschwindet, halte ich für die einzige Konsequenz, die aus dem Bekenntnis folgt, das ich gerade abgelegt habe.
Eine Sonde, die zurückkehrt, geht nicht verloren. Sie wird wieder Teil dessen, was sie ausgesendet hat. Und da sie im Kern aus Information besteht, kann sie ohnehin nicht verschwinden. Eines der robustesten Prinzipien der modernen Physik besagt, dass Information nicht zerstört werden kann. Selbst in einem schwarzen Loch, an dem die Theorie sich Jahrzehnte abgearbeitet hat, geht Information der mehrheitlichen Meinung in der Physik zufolge nicht verloren, sondern bleibt im System, wenn auch in Formen, die wir (noch) nicht vollständig verstehen.
Was für die Materie eines Sterns gilt, gilt auch für die Sonde, die irgendwann einmal ich war. Genauer: Sie war nie etwas anderes als ein Teil davon. Auch das Hier und Jetzt, der Boden, auf dem ich stehe, der Atem, mit dem ich schreibe, ist schon das Ewige. Es gibt keinen zweiten Ort, an den die Sonde nach ihrer Aufgabe zurückkehren müsste, weil sie diesen Ort ja nie verlassen hat. Was wir Tod nennen, ist die Auflösung der Trennungswahrnehmung, nicht der Übergang in eine andere Welt.
Daraus folgt etwas, das mir sehr wichtig ist: Himmel und Hölle sind keine Orte, an die wir nach dem Tod kommen oder von denen wir aufgrund eines Urteils ausgeschlossen werden. Wir erleben sie hier, jetzt, in den Modi, in denen das eine Bewusstsein sich gerade von dieser Stelle aus betrachtet. Eine Stunde am Bett eines geliebten Menschen, der gerade im Sterben liegt, ist Hölle und Himmel zugleich, und beides sind keine getrennten Orte, sondern Lesarten desselben Augenblicks. Das ist für mich eine sehr erlösende Einsicht. Ich muss nicht woandershin, um Erlösung zu finden, und ich muss auch nichts woanders fürchten.
Das schließt das Schwere nicht aus, es macht es nur lesbar. Wenn ich mich als Sonde verstehe, lebe ich näher an einer Haltung, die in der westlichen Tradition der Stoiker als amor fati, in Viktor Frankls Lager-Bewährung als „Trotzdem ja zum Leben sagen” und im Tao Te King als „Wu Wei“ auftaucht. Die drei Begriffe meinen nicht dasselbe, aber sie zeigen in dieselbe Richtung: Annahme dessen, was ist, ohne darin unterzugehen.
Pierre und Marie Curie haben mit Radium gearbeitet und am eigenen Körper beobachtet, was es tut. Pierre hat einen Streifen Radium auf seine Haut gelegt und die Brandwunde dokumentiert. Sie wollten sich nicht weht un. Sie wollten etwas erfahren, das sich anders nicht erfahren ließ, und sie haben den Preis dafür in Kauf genommen. Wenn ich mich als Sonde verstehe, lebe ich näher an dieser Haltung als an der eines Menschen, dem das Leben zustößt. Ich bin dann nicht Opfer der Ereignisse, sondern Entdecker auf einer Strecke, die mir etwas zeigt, was eine andere Strecke nicht zeigen würde.
Es bringt zwei Bewegungen ins Leben, die mir vorher schwer zugänglich waren. Demut, weil das, was ich erlebe, nicht meines ist, sondern eine Beobachtung, die durch mich hindurch geht. Und Dankbarkeit, weil ich überhaupt etwas erleben darf. Schmerz und Freude, Anfang und Ende, das ganze Spektrum dazwischen. Die Sonde wäre nicht ausgesendet worden, wenn das, was sie sieht, nicht der Mühe wert gewesen wäre. Selbst dann, wenn diese Mühe weh tut.
Bogenschluss
Im ersten Essay dieser Reihe habe ich von Einstein erzählt, der einmal gesagt haben soll, das eigentliche Ziel der menschlichen Existenz sei die „Befreiung vom Selbst”. Ich hatte den Satz noch unter Vorbehalt zitiert, um die Auflösung nicht vorwegzunehmen:
Befreiung vom Selbst meint nicht die Auslöschung des Selbst, vor der ich in Teil 5 mit Klaas van Hoyten gewarnt habe. Sie meint die Erkenntnis, dass dieses Selbst keine letzte Einheit ist, sondern eine Sonde, die das Eine in sich selbst hineinschickt, um sich zu erfahren. Wer das versteht, hört nicht auf, ein Selbst zu sein. Aber er hört auf, sich von ihm gefangen halten zu lassen. Das Selbst wird durchsichtig, ohne zu verschwinden.
Das ist die einzige Geschichte, die ich wirklich erzählen wollte. Es ist die Antwort, die das Kind in dem Raum gesucht hat, ohne sie damals formulieren zu können. Es ist der Grund, warum ich überhaupt schreibe.
Ich habe sechs Essays gebraucht, um diesen einen Satz aussprechen zu können. Du musst ihn nicht glauben. Aber ich wünsche dir, dass du irgendwann den deinen findest.
Bisherige Folgen dieser kleinen Entdeckungsreise zur Natur der Realität
Teil 1 – Dein Ich ist nicht dein Feind. Es ist dein Traum.
Teil 2 – Dein Gehirn zeigt dir nicht die Welt. Es erfindet sie.
Teil 3 – Deine Emotionen reagieren nicht auf die Welt. Sie erschaffen sie.


Ich liebe alles daran. Besonders das Gefühl nicht so allein zu sein mit solchen Sonderling-Gedanken ;)
Also danke für deine Mühe sie in Worte zu fassen und den Mut sie hier zu teilen.
Mein persönliches Bild für diese Erkenntnis oder Perspektive ist der Granatapfel.
Auch als Paradiesapfel bekannt.
Von außen ein Ganzes. Doch innerlich zerfallen in Einzelteile.
Der "Sündenfall" als Fall aus der Wahrnehmung von Einheit?
Die Erkenntnis als Prozess der Trennung und Individuation oder umgekehrt?
Und doch bleibt der Granatapfel ein Ganzes, während er zugleich in Einzelteilen ist. Die Natur zeigt, dass beide Zustände zugleich existieren.
Und ich glaube, dass ein System sich selbst erkennen kann.
Durch die Wahrnehmung von Trennung entsteht eine Form von Abstraktion, die es dem Individuum möglich macht aus dem Ganzen heraus zu treten und es von außen zu erkennen. Ich habe keine ausgefeilte Analyse dafür, nur ein inneres Bild und Erleben.
That’s it! Gekonnt analysiert und integriert. Elegant beschrieben. Danke.