Wir sind ein Bus
Über Mikroorganismen, die in uns mitfahren, mitlenken und manchmal sogar das Steuer übernehmen
Neben der unendlichen Weite des Universums hat mich seit jeher die Welt des Winzigen, fast Unsichtbaren, fasziniert. Als ich Kind war hatten wir ein Mikroskop zu Hause, und mein größter Stolz war ein Heuaufguss, den ich tagelang stehen ließ, bis das Wasser trübe wurde und darin die ersten Einzeller schwammen. Dann setzte ich mich an das Gerät und schaute ihnen zu. Pantoffeltierchen, Augentierchen und ein paar Glockentierchen, die sich an alles klammerten, was im Tropfen vorbeitrieb. Im Biologieunterricht habe ich Zellen mit Hingabe in mein Schulheft gezeichnet, fein säuberlich, mit Mitochondrien und Ganglien. Ich war stolz auf jedes dieser Bildchen.
Damals war die Welt für mich klar sortiert. Im Tropfen unter dem Glas, da lebte das Kleinste. Auf meinem Stuhl, da saß ich. Zwei Welten, die sich anschauten, aber nicht miteinander vermischten.
Längst weiß ich: Diese Trennung hat es nie gegeben. Was ich damals durchs Okular betrachtet habe, sitzt auch in mir. Auf mir. Mit mir. Und es macht weit mehr als nur dabei zu sein. Wenn man dieser Spur ein paar Schritte folgt, kommt man an einen Punkt, an dem das eigene Spiegelbild kurz fremd wirkt. Und genau dorthin will ich dich in diesem Text mitnehmen.
Die Zahl, die alles kippt
Lange Zeit hat man behauptet, in einem menschlichen Körper lebten zehnmal so viele Bakterien wie eigene Zellen. Diese Zahl ist mittlerweile widerlegt. Die korrigierte Schätzung von Sender und Kollegen, 2016 in Cell veröffentlicht, sieht so aus: ungefähr 38 Billionen Bakterienzellen gegenüber rund 30 Billionen menschlichen Zellen. Das Verhältnis liegt also bei etwa 1,25 zu 1. Klingt harmloser als die alte 10:1-Mär. Bei genauerem Hinsehen ist es das nicht.
Denn jetzt kommt der Punkt, der das Bild verschiebt. Wir denken instinktiv, unsere Zellen seien die Hauptfiguren und die Bakterien die Statisten. Dieses Gefühl trügt. Die meisten Bakterien in uns sind solitär lebensfähig. Du könntest ein einziges Lactobacillus-Bakterium aus deinem Darm nehmen, in eine Petrischale legen, und es würde fressen, sich teilen, eine eigene Kolonie aufbauen. Eine deiner Leberzellen würde in derselben Petrischale innerhalb kurzer Zeit absterben. Unsere Körperzellen sind hochspezialisierte Bauteile, die nur im Verband funktionieren. Die Bakterien sind eigenständige Organismen, die uns als Lebensraum nutzen, weil es bequem ist, nicht weil sie müssten.
Allein dieser Vergleich sollte einen kurz innehalten lassen. Wir tragen mehr Mitbewohner in uns als eigene Zellen, und ausgerechnet die Mitbewohner sind in einem ganz biologischen Sinne robuster, autonomer, älter im evolutionären Stammbaum. Wer da auf wen angewiesen ist, wer hier eigentlich das Sagen hat, sind ebenso naheliegende wie größtenteils offene Fragen.
Es kommt noch dicker. Diese Mitbewohner sind nicht nur eigenständig, sie haben so etwas wie ein primitives Sozialleben. Bakterien finden mithilfe spezialisierter Rezeptoren ihre Nahrung, sie weichen Giften aus, sie kommunizieren chemisch mit Artgenossen, und sie bauen aus diesen Signalen kooperative Strukturen, sogenannte Biofilme. Über das Phänomen Quorum Sensing zählen sie sich gegenseitig durch und schalten ihr Verhalten erst dann um, wenn eine kritische Anzahl erreicht ist. Pathogene Bakterien zünden ihre Toxin-Produktion zum Beispiel oft erst, wenn genug Truppen versammelt sind, um den Wirt wirklich zu überrennen. Bonnie Bassler in Princeton hat dieses chemische Geflüster über Jahre erforscht. Das ist keine Intelligenz im menschlichen Sinne. Aber es ist auch nicht nichts.
Wenn wir das Gewicht aller dieser Mikroorganismen zusammenzählt, kommen wir auf ein bis zwei Kilogramm pro Mensch. Eine kleine Kantine voller Mitbewohner, die wir mit uns herumtragen. (Fairer Hinweis am Rande: Sie sind keine erfolgversprechende Diät-Strategie. Selbst wenn man sie kurzfristig wegbekäme, wären sie schnell wieder da. Manche Hartnäckigkeiten kann man nicht wegdenken.)
Damit haben wir das Bild beisammen: Wir sind ein Bus, und in diesem Bus sitzen mehr Mitbewohner als eigene Zellen. Die Mitbewohner könnten an der nächsten Haltestelle aussteigen und ein eigenes Leben beginnen. Wir könnten das nicht.
Zoom-Out: Wessen Planet ist das eigentlich?
Bevor wir uns die nächsten Bilder unseres eigenen Busses anschauen, lohnt sich ein noch radikaleres Zoom-Out. Wir haben gerade gesehen, dass die Mikroben in uns autonomer und älter sind als wir selbst. Aber das gilt nicht nur für unseren Körper. Es gilt für den gesamten Planeten.
Eine Studie des Weizmann Institute of Science aus dem Jahr 2018, geleitet von Yinon Bar-On und veröffentlicht in der Fachzeitschrift PNAS, hat erstmals systematisch die gesamte Biomasse der Erde in Gigatonnen Kohlenstoff zusammengerechnet. Insgesamt sitzen ungefähr 550 Gigatonnen Kohlenstoff im Lebendigen unseres Planeten. Davon entfallen rund 450 Gigatonnen auf Pflanzen, das sind etwa 80 Prozent. Sie sind mit Abstand die Hauptmasse der Biosphäre, der eigentliche grüne Pelz, der unsere Erde überzieht.
Bakterien und andere Mikroorganismen kommen auf rund 70 bis 80 Gigatonnen Kohlenstoff. Das sind etwa 13 bis 15 Prozent der gesamten Biomasse. Und alle Tiere zusammen, das gesamte tierische Leben dieses Planeten, machen ganze zwei Gigatonnen aus. Ungefähr 0,3 Prozent.
Säugetiere allein? 0,17 Gigatonnen Kohlenstoff. Ein knappes Zehntel der tierischen Biomasse. Davon hat sich der Mensch mit seinen Nutztieren in den letzten zehntausend Jahren einen großen Teil unter den Nagel gerissen, aber das ist eine andere Geschichte für ein anderes Mal.
Wenn man das Verhältnis ausrechnet, beträgt die Bakterien-Biomasse dieses Planeten etwa das 1.200-Fache der menschlichen Biomasse. Lasst das mal einen Moment sacken: Wir, die wir uns als Krone der Schöpfung verstehen, die wir Raketen zum Mond fliegen, Sinfonien komponieren und über uns selbst nachdenken, sind mengenmäßig ein Tausendstel des organischen Kohlenstoffs, der in den einzelligen Mitbewohnern dieses Planeten steckt.
Wer „fährt” eigentlich auf diesem Planeten? Wenn wir das Bus-Bild auf die ganze Erde ausdehnen, sieht es aus, als würden ein paar Tier-Reisebusse durch ein riesiges, dichtes Verkehrsnetz aus Pflanzen und Bakterien kreuzen, das die meisten Straßen schon vor uns belegt hat. Wir sind nicht die Hauptlinie. Wir sind ein kleine, in diesem Zusammenhang unbedeutende Nebenlinie für eine sehr spezielle Spezies, die sich für ausgesprochen wichtig hält.
Die Haltestelle Haut
Zurück in den eigenen Körper. Bevor wir uns die wirklich verrückten Geschichten anschauen, ein kurzer Stopp an einem Ort, der das Ganze besonders schön zeigt: Eure Haut.
Auf jedem Quadratzentimeter sitzen je nach Körperregion zwischen mehreren Tausend und einer Million Bakterien. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Während ihr diesen Satz lest, fällt eine Hautschuppe ab, mit ihr verlassen einige tausend Bakterien den Bus. Ihr gebt jemandem die Hand, eine Wagenladung steigt um. Ihr esst einen Apfel, atmet einmal aus, fasst die Türklinke an, legt euch aufs Sofa. Jedes Mal kommt jemand zu, jedes Mal steigt jemand aus.
Der Bus hält im Sekundentakt. Niemand kauft ein Ticket, niemand wird kontrolliert. Die Zusammensetzung der Passagiere ändert sich permanent, und doch bleibt das Gesamtbild erstaunlich stabil. Euer Hautmikrobiom ähnelt eurem aus dem Vorjahr mehr als dem eurer Partnerin oder eures Partners. Es gibt also so etwas wie eine Stamm-Mannschaft, aber sie ist nichts Festes. Sie ist ein Fließgleichgewicht. Ein laufender Tausch, der wie ein stehendes Bild aussieht.
Wenn man das einmal verinnerlicht hat, wird klarer, was als nächstes kommt: Diese Mitfahrgäste sitzen nicht still in den hinteren Reihen.
Vier Geschichten aus dem Mikrobenreich
Bevor wir uns die Lage in unseren eigenen Bussen anschauen, lohnt sich ein Blick in die Welt der Wirte, die das Bus-Bild fast wörtlich nehmen. Vier Beispiele, je eine pro mikrobielle Hauptklasse: ein Pilz, ein Virus, ein Bakterium, ein Einzeller. Alle nutzen ihre Wirte als Fortbewegungsmittel, mit unterschiedlichen Mitteln und mit erschreckender Konsequenz.
Erstens, der Zombie-Pilz. Ophiocordyceps unilateralis befällt Zimmermannsameisen in tropischen Wäldern. Eine infizierte Ameise verlässt ihre Kolonie, klettert auf eine Pflanze und beißt sich dort an einer Blattader fest. Sie tut das in einer ziemlich genauen Höhe, zu einer ziemlich genauen Tageszeit, in einer ziemlich genauen Ausrichtung. Genau so, dass die Sporen, die der Pilz später aus ihrem Körper schießt, optimal verteilt werden. Das Erstaunliche dabei: Der Pilz greift gar nicht das Gehirn der Ameise an. Er kontrolliert direkt die Kiefermuskeln und einige weitere Körperteile. Das Gehirn arbeitet weiter, vermutlich ohne zu merken, dass es nichts mehr zu sagen hat. Wer die Serie The Last of Us gesehen hat, weiß, woher die Idee dort kommt.
Zweitens, der Beißbefehl im Erbgut. Das Tollwutvirus kommt mit fünf Genen aus. Ein Säugetier hat ungefähr zwanzigtausend. Trotzdem reicht dieses Mini-Genom, um aus einem ruhigen Hund oder einer Fledermaus eine aggressive Beißmaschine zu machen. Das Virus erhöht die Aggression, senkt die Furchtreaktion und erzeugt damit genau das Verhalten, das es selbst über den Speichel weiterträgt. Forschende der University of Alaska haben 2017 ein Fragment des Virushüllproteins beschrieben, das nikotinische Acetylcholin-Rezeptoren im Gehirn blockiert. Mit anderen Worten: Es wirkt wie ein Schlangengift, nur eben aus Virus-Bauplan. Fünf Gene gegen ein gesamtes Säugetier-Verhaltensrepertoire, und die fünf Gene gewinnen.
Drittens, die heimliche Weltherrschaft im Insektenreich. Wolbachia ist ein Bakterium, das nach Schätzungen rund die Hälfte aller Insektenarten weltweit infiziert. So viele Wirte hat kaum ein anderes Lebewesen auf diesem Planeten. Da das Bakterium nur über die Eier weitergegeben wird, nicht über Spermien, hat es eine phänomenale Strategie entwickelt, Männchen als evolutionäre Sackgassen (hört! hört!) zu umgehen. Es lässt befallene Weibchen jungfräulich gebären, sodass nur weibliche Nachkommen entstehen. Es tötet befallene Männchen früh ab, damit Ressourcen für infizierte Weibchen frei werden. Es verwandelt genetisch männliche Insekten in funktionale Weibchen. Und es macht das Sperma befallener Männchen für Eier nicht-infizierter Weibchen biochemisch unverträglich. Ein einzelnes Bakterium drückt sich also tief in das Sexualleben einer ganzen Tierordnung. Wenn du das nächste Mal eine Wespe oder einen Marienkäfer siehst, sitzt mit großer Wahrscheinlichkeit Wolbachia mit am Steuer.
Viertens, der Parasit, der auch uns betrifft. Toxoplasma gondii, Verursacher der Toxoplasmose, ist ein einzelliger Parasit, der seinen sexuellen Lebenszyklus nur in Katzen abschließen kann. Bei Mäusen, einem seiner Zwischenwirte, dreht er deshalb einen evolutionär uralten Reflex um. Statt Angst vor Katzengeruch zu haben, fühlen sich infizierte Mäuse davon angezogen. Wenig überraschend, dass so unvorsichtige Nager schneller gefressen werden, der Parasit erreicht den Endwirt, der Kreis schließt sich. So weit das Mäusereich. Beim Menschen wird es komplizierter. 30 bis 50 Prozent der Weltbevölkerung tragen Toxoplasma in sich, die meisten ohne es zu merken. Studien zeigen jedoch Persönlichkeitskorrelationen und ein 2,7-fach erhöhtes Schizophrenie-Risiko bei Infizierten. Klingt drastisch, und ehrlicherweise muss man dazu sagen: Das absolute Lebenszeitrisiko bleibt auch dann gering, und die Kausalität ist nicht final geklärt. Aber der Zusammenhang gilt als robust. Mit anderen Worten: Bei einem nennenswerten Teil der Menschheit sitzt ein Mitfahrer im Bus, der sehr wahrscheinlich an kleinen Hebeln dreht.
Die Unterhaltung im Bauch
Damit kommen wir zur entscheidenden Frage: Wenn Pilze, Viren, Bakterien und Einzeller Tiere derart konsequent steuern können, was tut die enorme Mikroben-Mannschaft eigentlich, die fest bei uns wohnt? Die meisten dieser Bakterien sind keine Parasiten, sondern Mitbewohner, mit denen wir koevolviert sind. Sie haben es nicht nötig, uns auf Grashalme zu schicken. Aber vielleicht mal auf die Palme zu bringen?
Etwa 90 bis 95 Prozent unseres Serotonins, des sogenannten „Glückshormons”, werden im Darm produziert, nicht im Gehirn. Darmbakterien regulieren mit, wie viel davon entsteht. Und teilen uns dies regelrecht zu. Forscher des Caltech haben 2015 gezeigt, dass keimfreie Mäuse 60 Prozent weniger Serotonin im Darm produzieren. Setzt man die Bakterien wieder ein, normalisiert sich der Spiegel. Serotonin wirkt weit über den Bauch hinaus. Es beeinflusst Stimmung, Schlaf, Appetit, Schmerz. Wer am Serotonin dreht, hat einen Einfluss auf das Bordklima. Wer weiß schon, ob sie sich vielleicht mit unserer schlechten Laune rächen, wenn sie sich über uns ärgern?
Stuhltransplantationen, also das Übertragen der Darmflora eines Menschen auf einen anderen, wirken auf die Stimmung. Eine Meta-Analyse von 2025, die zwölf randomisierte klinische Studien zusammenfasst, zeigt eine signifikante Reduktion von Depressionssymptomen durch fäkale Mikrobiota-Transplantation. Die Studienlage reicht noch nicht für einen breiten klinischen Einsatz, aber das Signal ist da: Wenn man die Mannschaft im Bauch austauscht, verändert sich etwas im Kopf. Vielleicht kommt daher auch der Rat, wir sollten öfters auf unseren Bauch hören? Also auf die Mikroben.
2025 haben Forschende der Duke-NUS Medical School in Singapur einen weiteren Mechanismus entschlüsselt. Indole, das sind chemische Stoffe, die Bakterien aus der Aminosäure Tryptophan herstellen, gelangen über den Blutkreislauf bis ins Nervensystem und aktivieren dort Rezeptoren, die mit Angstzuständen zu tun haben. Eine direkte chemische Leitung von der Darmwand ins Angstzentrum. Wer Indole produziert, sitzt mit am Steuer der eigenen Stimmung.
Eine wichtige Einschränkung muss ich klar benennen: Beim Menschen sind Korrelation und Kausalität oft noch nicht sauber entflochten. Stress, Schlaf und Ernährung wirken in beide Richtungen, und das Mikrobiom ändert sich gleichzeitig mit. Aber dass Darmbakterien an unseren Botenstoffen mitarbeiten, ist nicht mehr umstritten. Das alles zusammengenommen kann einem schon ein leises Schwindelgefühl vermitteln.
Eine gewagte These zum Schluss
Nun kennt ihr mich ja auch als jemand, der auch vor gewagten Thesen nicht zurückschreckt. Erlaubt mir also, das Bus-Bild noch einen Schritt weiter zu treiben, bevor wir gleich aufräumen.
Wenn Bakterien an unseren Botenstoffen mitarbeiten, an unserer Stimmung, an unseren Angstzuständen, warum sollten sie an etwas weniger Wichtigem aufhören? An der Frage zum Beispiel, wen wir sympathisch finden. Und an der Frage, mit wem wir lange genug zusammen sind, dass sie selbst weiterreisen können.
Hier kommt eine Studie, die das Bild deutlich konkreter macht. 2023 hat eine Forschergruppe um Mireia Valles-Colomer und Nicola Segata an der Universität Trient in Nature die bisher umfassendste Analyse zur Mikrobiom-Übertragung zwischen Menschen veröffentlicht. Sie haben fast 10.000 Stuhl- und Speichelproben aus 20 Ländern auf fünf Kontinenten ausgewertet und über 800.000 Mikroben-Stämme zwischen Familien, Mitbewohner:innen, Nachbar:innen und Dorfgemeinschaften nachverfolgt. Der wichtigste Einzelfaktor für geteilte Mikroben war: gemeinsam verbrachte Zeit. Nichts anderes.
Ein paar Zahlen, die hängen bleiben: Mütter prägen das Mikrobiom ihrer Babys massiv. Etwa die Hälfte der bei Säuglingen geteilten Arten waren Stämme der Mutter. Mit drei Jahren noch 27 Prozent, mit dreißig Jahren noch 14 Prozent. Manche älteren Menschen in China teilen noch Stämme mit ihren über 100-jährigen Müttern. Wir starten also schon als verkleidete Kopie unserer Mutter-Mannschaft ins Leben.
Bei Erwachsenen wird es interessant, wenn man auf Mitbewohner:innen schaut. Paare teilen 13 Prozent ihrer Darm-Stämme und 38 Prozent ihrer Mund-Stämme. Platonische WG-Bewohner:innen liegen mit 12 Prozent im Darm und 32 Prozent im Mund nur knapp dahinter. Sogar Menschen, die einfach nur im selben Dorf leben, teilen mehr Stämme als zufällige Vergleichspersonen aus weiter entfernten Orten. Zwillinge, die als Erwachsene 30 Jahre lang getrennt voneinander gelebt hatten, hatten ihren Stamm-Sharing-Anteil von 30 auf 10 Prozent fallen lassen. Wer sich räumlich trennt, trennt sich auch mikrobiell.
Wie das passiert, verraten andere Studien. Eine niederländische Gruppe um Remco Kort hat 2014 ausgerechnet, dass bei einem einzigen zehnsekündigen intensiven Kuss ungefähr 80 Millionen Bakterien aus einem Mund in den anderen wandern. Ein ganzes Land wechselt im Sekundenbruchteil den Bus. Dazu kommen Tröpfcheninfektionen, gemeinsame Mahlzeiten, geteilte Türklinken, Umarmungen.
Daraus folgt nicht, dass Mikroben unsere Liebesentscheidungen treffen. Aber es gibt eine Hypothese, an der einige Forschergruppen ernsthaft arbeiten. Sie lautet: Mikroben haben evolutionär ein Interesse daran, sich zu verbreiten. Wer also seine Träger:innen so beeinflusst, dass sie einander näherkommen, dass sie einander gut riechen können, dass sie sich umarmen wollen, hat einen Reproduktionsvorteil. Die Mikrobe, die uns dazu bringt, jemanden in den Arm zu nehmen, gewinnt einen Bus dazu. Und wir, wären wir damit so viel anders, als die Ameise, die auf den Halm klettert?
Ob das so ist, kann derzeit niemand mit Sicherheit sagen. Es ist Spekulation auf Basis weniger, vorsichtig formulierter Studien. Ich markiere das hier als das, was es ist: eine gewagte These. Aber sobald man das Bus-Bild ernst nimmt, ist der Gedanke schwer wieder loszuwerden. Vielleicht ist die Sympathie zwischen zwei Menschen auch ein bisschen ein abgekartetes Spiel zwischen ihren Mikroben. Bauch zu Bauch, Mannschaft zu Mannschaft.
Und hier kommt noch eine Pointe, die der kanadische Mikrobiologe Brett Finlay gezogen hat. Wenn Mikroben übertragbar sind und wenn sie über Verdauung, Stoffwechsel und Immunsystem mitbestimmen, ob jemand an Typ-2-Diabetes, an bestimmten Krebsarten, vielleicht sogar an Alzheimer erkrankt, dann werden auch diese Krankheiten ein Stück weit übertragbar. Nicht im Sinne einer Grippe. Aber im Sinne einer langsamen Drift, die sich zwischen Menschen, die zusammen leben, mitkopiert. Die saubere Trennung zwischen ansteckenden und nicht-ansteckenden Krankheiten weicht auf. Man kann also, bei allen Vorsicht, ein Stück weit gemeinsam krank werden. Und vielleicht auch gemeinsam gesund.
Der Begriff, der das Selbstbild neu sortiert
Wenn ein Pilz eine Ameise dazu bringt, sich an einen Grashalm zu beißen, sagen wir: arme Ameise, fremdgesteuert. Wenn Bakterien beeinflussen, wie viel Serotonin in unserem Bauch entsteht, und Serotonin nun mal die Stimmung mitbestimmt, dann müssen wir uns ehrlich fragen: Wer entscheidet hier eigentlich, wenn ich morgens schlecht gelaunt aufwache? Bin das ich? Sind das die Bifidobakterien, die heute zu wenige sind? Ist „mein” Lebensgefühl überhaupt meines, oder ist es ein Verhandlungsergebnis zwischen meinem Nervensystem und meinen 38 Billionen Mitbewohnern?
In der Biologie gibt es für diese Sichtweise inzwischen einen Begriff, der allmählich in die Lehrbücher eingeht: Holobiont. Damit bezeichnet man eine Lebensform, die aus einem Wirt und allen seinen Mikroorganismen besteht und die zusammen als evolutionäre und funktionale Einheit gelten. Ein Mensch ist demnach kein Mensch, der zufällig Bakterien an Bord hat. Ein Mensch ist ein Superorganismus, in dem die menschlichen Zellen und die mikrobiellen Mitbewohner gemeinsam das System bilden, das wir „Ich” nennen.
Der Bus ist also nicht ein Bus, in den irgendwann Mikroben zugestiegen sind. Der Bus ist die Mikroben plus uns, gemeinsam unterwegs. Ohne die einen oder die anderen wäre er gar nicht da. Das ist ein Gedanke, der das Ich nicht abschafft, aber neu sortiert. Es ist nicht mehr der einsame Fahrer am Lenkrad, sondern eine Reisegemeinschaft, die sich gegenseitig braucht und gegenseitig manipuliert. Mal grob, wie der Pilz in der Ameise. Mal subtil, wie die Bifidobakterien, die am Serotonin-Spiegel drehen. Aber immer im Bus, immer dabei. Und die Frage, die dabei offen bleibt: Wer fährt eigentlich den Bus?
Zurück zum Heuaufguss
Damit sind wir am Ende, und ich kehre noch einmal zum Mikroskop meiner Kindheit zurück. Damals war ich der Beobachter. Ich saß auf meinem Stuhl, ich schaute durchs Okular, und ich sah die kleine Welt, die da unter dem Glas wuselte. Heute weiß ich, dass ich selbst der Heuaufguss bin. Eine wuselnde, summende Gemeinschaft, in der niemand allein das Steuer hält. Auf jeder Hautschuppe, in jedem Atemzug, in jedem Bissen sitzt der nächste Buswechsel.
Die Frage, wer wir eigentlich sind, lässt sich biologisch nicht abschließend beantworten. Wir sind keine geschlossene Einheit, wir sind ein offenes System. Ein Bus, der aus seinen Passagieren besteht, und nicht etwas, das die Passagiere transportiert. Das ist, wenn man es lange genug ansieht, kein Problem, sondern ein erstaunlicher Zustand. Und ehrlich gesagt: Es ist einer dieser wundersamen Gedanken, mit denen ich mich bisher beschäftigen durfte.





Sehr cooles Bild mit dem Bus. Wenn man dann noch die Endosymbiontentheorie dazu nimmt, wird es richtig wild.
Ansonsten wirklich gut und treffend beschrieben. So geht gute Wissenschaftskommunikation.
Einziger (Kritik)Punkt: Die Langzeitwirkung von Fecal Transplant ist oft nicht so überragend.